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Das Leben am Simplon 1750 - 1800

Clausen/Glaisen

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Die Auswanderer

Sagen und Geschichten

Das Leben am Simplon 1750 - 1800

Aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist vom Simplongebiet nicht allzuviel überliefert. Die grossartige Zeit des Passes, die durch die Geschäfte des mächtigen Kaspar Jodok von Stockalper geprägt wurde, begann langsam abzuflauen. Die Bewohner der Region führten ein ruhiges, zufriedenes Leben. Die Bauern waren frei, konnten sich selbst versorgen und bezahlten wenig Steuern. Das Leben lehnte sich an alte Traditionen an, und im Zustand allgemeiner Zufriedenheit dachten nur Wenige daran, etwas für den Fortschritt zu tun. So kam es, dass der Handel über den Pass immer stärker nachliess. Die Korporation der Ballenführer in Brig zerfiel und die Saumstrasse verlor an Bedeutung. Die Ballenträger, deren Verdienst immer magerer wurde, weigerten sich, für die Kosten des Unterhaltsdienstes aufzukommen.

Das Resultat war, dass die einst so berühmte Saumstrasse um 1780 in einem erbärmlichen Zustand war. Brücken stürzten ein und an den gefährlichen Stellen begann sie zu zerfallen. Unser Urahne Johann Anton hatte in dieser Zeit bei seinen Simplonüberquerungen recht schwierige Wegstücke zu meistern gehabt.

Der damalige Landeshauptmann Moritz Anton Fabian Wegener machte am Weihnachtslandrat von 1775 den Vorschlag, dass die Ballenführer zusammen mit den Gemeinden Brig und Simplon die Reparaturarbeiten ausführen sollten. Die nötigen Gelder müssten durch die Erhöhung des Weg- und Brückenzolls, die Erhöhung der Lagergebühren und dem Gewinn aus dem Salzhandel zusammengetragen werden. Die Meinungen gingen aber soweit auseinander, dass er seinen Antrag zurückzog. Erst 10 Jahre später übernahm der Staat die Unterhaltspflicht über die Saumstrasse. Er versuchte die Kosten auf die Strassenbenützer abzuwälzen und verlangte erhöhte Transittarife und Zollgebühren. Diese Massnahme zeigte sich als wenig erfolgreich. Der Erlös reichte niemals aus, um die Strasse zu sanieren. So übertrug der Staat 1788 das gesamte Transportwesen, die Weggelder, den Zoll und den Unterhalt der Strasse dem finanzkräftigen Kaspar Eugen Stockalper. Dieser brachte den Verkehr über den Simplon wieder in Gang. Vor allem der Salztransport erlebte einen grossen Aufschwung. Zum 2. Mal in der Geschicht des Simplon war es ein Stockalper, der den Pass zum begehrten Alpenübergang machte. Die Arbeiter, welche die Strasse ausbesserten, erhielten einen Taglohn von 7-10 Batzen und wenn sie abends nicht heimkehren konnten, Suppa und "Loschierig" gratis. So zahlte Stockalper 1788 insgesamt 293 Pfund und 21/2 Batzen an den Strassenunterhalt. 1791 waren es noch 143 Pfund und 22 Batzen.

Den Eindruck einer Simplonüberquerung aus der Zeit unseres Ahnen Johann Anton schilderte der Dichter Johannes von Müller, der am 28./29. September 1777 von Domo nach Brig reiste. Er schrieb in seinem Wanderbuch folgendes:

"Man betritt hierauf (von Domo) die ersten Anhöhen des Simplons. Die Dörfer sind sehr selten. Kein Arbeitsfleiss. Man geht über Matten, dann über Felsen, über wankende Brücken, vorbei die Trümmer älterer und besserer Brücken bis Dovedro, welches sich weit und breit an schönen Höhen bis an den Eingang des Simplonpasses angenehm ausdehnt. Höher und fast schrecklicher als der Gotthart ist der Simplonberg. Hoch türmen sich die Felsen, und scheinen unten ausgefressen durch die Schläge der wilden Toggia. Bald hoch, bald in den Tiefen bis Val Mura in Italien, hierauf bis an den Stein (Gstein) im Wallis führt der Pass über unermesslich drohende Felstrümmer, und neben uns war der Fluss bald fast von den Bergen verborgen, bald stob er wie ein Rauch hinunter in scheussliche Tiefen. In diesen Gebirgen rechts findet man Gold, auch Marcassiten. Wenn man vom Stein hinauf sich erhebt, fällt der obere Staffel mit seinen beschneiten Höhen ins Auge. Folgen schöne Walliser Matten. Wohlgelegen ist das hohe Dorf Simpeln, wo bei 80 Feuerstätten sein mögen; denn sie ziehen aus beiden Ländern ihre Bedürfnisse. Ein ziemlich guter Weg führt zum alten grossen Spital, der eine Wohnung für Gespenster scheint. Steil senkt sich der Simplon gegen Wallis hinab, so abschüssig, dass man an schrecklichen Abgründen in der engen Röhre einer alten hölzernen Wasserleitung, die der Fels beinahe bedeckt, hindurch reist. Brig sieht man bald, aber noch krümmt sich die Strasse über einen Berg und betrügt den ermüdeten Wanderer. Er erblickt endlich das lange schöne Dorf Naters und sein zerstörtes Schloss und Glis."

Dieser alte und bewährte Saumweg, der im Lauf der Jahrhunderte unzähligen Reisenden und Handelsleuten als Verbindung vom Wallis ins Herzogtum Mayland diente, wurde auch des öftern von ausländischen Kriegsherren als strategisch günstiger Alpenübergang angesehen. Die Bewohner des ganzen Simplonbergs mussten immer auf der Hut sein, um nicht von ausländischen Heeren überfallen zu werden. Zu diesem Zweck haben sie ein sehr wirkungsvolles Alarmsystem auf die Beine gestellt.

Fünfzehn Mann, mit einem Rottmeister an der Spitze, übernehmen die Verteidigung der Strasse in Ruden. Eine zweite Rotte bewacht den Furggenpass. Dreizehn Mann von Simplon waren aufgestellt auf dem Gallki, gegenüber dem Potimiapass. Die Soldaten von Zwischbergen bewachen den Montscherapass und endlich die Alpier den Alpierung. Sobald sich an der Grenze eine Gefahr vermuten liess, mobilisierte der Talhauptmann die Soldaten in Simplon und Zwischbergen und liess die Pässe bewachen. Dort sollten sie die alten Stellungen fleissig ausbessern, mit Baumstämmen Wehren erstellen, Steine und Felsblöcke als "Gebirgsartillerie" bereithalten. Damit man aber in Simplon-Dorf sofort wusste, wo der Feind eingebrochen ist und ob Hilfe notwendig wäre, wurde ein ausgezeichnetes System von Nachrichtenübermittlung verabredet und eingerichtet. Der Wachtposten auf der Furgge gab bei Tag durch Rauchzeichen, bei Nacht durch Feuer den Alarm vom Montschera und Potimiapass nach Simplon-Dorf weiter. Ein Posten auf dem Wenghorn nahm die Zeichen von der Gondoschlucht und den Alpien auf und gab diese mit entsprechenden Zeichen weiter. Im Dorfe musste der Pfarrer mit zwei Männern auf diese Zeichen achtgeben. Ging die Wachtzeit zu lange, wurden sie durch zwei weitere alte Soldaten abgelöst. Zwei Knaben hatten sich ständig in der Nähe der Wache aufzuhalten. "Welche bed knaben, so von nöthen geschwindt megen mit Botschaft loufen" nach den Leuten, die ausserhalb des Dorfes wohnten. Kam das Zeichen, dass "der stryt in Ruden söllti angehen, ist verordnet fir gout die grossen Glocken drymal sturm zu lyten". Kamen die Signale von der Furgge, wurden die kleinen Glocken dreimal geläutet. Und "so auf den Alpien die not angieng lüth man zu Simpeln mit beden Glocken sturm". Das Glockenzeichen löste dann allgemeinen Alarm aus. Sofort waren alle Frauen und Männer, Greise und Kinder aufgeboten, "damit man einander in nöthen des stryts zu hilf, wehr und bystand kommen mag". Die Frauen und Kinder sollten vorerst ihre Habe und Wertsachen in den Häusern verstecken und diese gut verschliessen und dann "so von nöthen in flocklöcher oder besser suchernuss abziehen, und auf gemelten Zeichen flyssig uff sechen". Für den Fall, dass die Gefahr der Feinde an der Grenze zu übermächtig anschwoll, waren wiederum bestimmte Zeichen abgemacht. Auf diese sollten zwei Männer bei der Ryti achtgeben; traten sie ein, war ihre Pflicht "in aller yl gegen Bryg zu loufen,auch geliebten Herrn solches kundbar zu thun".

Jahrhundertelang haben unsere Vorfahren auf diese Weise mit Erfolg Wache am Simplon gehalten. Brach der Feind auch mehrmals über die Grenze herein, bis zum Dorf Simpeln kam er nie durch.

Erst 1798 nützten alle Abwehrbemühungen nichts mehr. Im Mai fielen die Franzosen unter Kaiser Napoleon über das Wallis her. Im April 1799 gelang es den Oberwallisern nochmals, die Angreifer bis ins Unterwallis zurückzudrängen und sich in Leuk zu verschanzen. Die Soldaten der Talschaft Simplon zogen nicht nach Leuk, da sie gemäss alter Militärordnung die Sicherung des Simplonpasses übernehmen mussten.

Bereits im Mai des selben Jahres schlugen die Heere Napoleons die Verteidiger in Leuk und zogen raubend und mordend Richtung Simplon. Die gesamte Bevölkerung von Brig und Umgebung rettete sich auf die Alpen des Simplongebietes. In welchem Ort sich Johann Anton in dieser Zeit aufgehalten hat, konnte ich nicht mit Sicherheit feststellen. Aus dem Pfarrbuch von Ried-Brig geht hervor, dass seine Söhne Peter 1792 in Lingwurm und Franz 1799 in Termen geboren sind. Ich gehe davon aus, dass Johann Anton mit seiner Familie im Brigerberg gewohnt hat. Das heisst, dass er mit seiner Frau Maria und seinen 4 Kindern Peter, Joseph Bartholomäus, Katharina und dem Säugling Franz die Flucht in die Berge des Simplons ergreifen musste. Denn nur wer den Pass erreichte, war gerettet. Die Franzosen erschlugen jeden, den sie auf der Flucht erwischten. Auf dem Pass standen die 6000 Mann starken österreichischen und russischen Hilfstruppen. Zusammen mit den übriggebliebenen Wallisern konnten sie die Angreifer am 1. Juni in einer Schlacht in der Taferna nochmals zurückschlagen.

Im Buch "Zur Geschichte vom Ganter" wird der Sommer 1799 von einem Augenzeugen folgendermassen beschrieben: "Den ganzen Sommer war das Gebiet zwischen Simplon und Rosswald der Schauplatz fortwährender Geplänkel österreichischer und französischer Truppen. In den Voralpen und Alpen des Tales herrschte stete Angst und bittere Not. Der Vater ist vielleicht im Kampfe gefallen, oder als Gefangener irgendwo eingekerkert, oder als Flüchtling in der Fremde. Die Mutter oder eine Tochter haust allein mit dem altersschwachen Grossvater und der Schar ausgehungerter Kinder und muss jeden Augenblick gewärtig sein, dass Freund oder Feind das letzte Stücklein Brot oder den letzten Tropfen Milch in Beschlag nimmt. Und was finden die Leute, wenn sie im Herbst ins Heimatdörfchen zurückkehren? Eine Wüste. Weder Türen noch Fenster, weder Hausgerät noch Arbeitswerkzeug ist noch vorhanden. Nicht ein Stück Vieh. Mit einem Worte nichts ist mehr übrig, als die vier Mauern dort, wo die Dörfer nicht eingeäschert wurden."

Termen und Lingwurm wurden 1799 von den Franzosen niedergebrannt.

Ob Johann Anton in dieser Zeit auch zu den Waffen greifen musste, oder ob er bei seiner Familie bleiben konnte, ist leider nicht überliefert.

Mitte August 1799 zogen die verbündeten Oesterreicher und Russen unter der Führung von Prinz Rohan vom Simplon nach Italien zurück. Die Bewohner des ganzen Simplongebietes mussten erleben, wie sie den Truppen Napoleons schutzlos ausgeliefert wurden. In aller Eile rafften sie Proviant und Kleider zusammen und flüchteten in die Berge oder in entlegene Alpen von Hohsaas und Laggin. Unsere Vorfahren besassen zu dieser Zeit Alprechte im Zwischbergental. Ich nehme an, dass sie sich dort versteckt haben.

Die Franzosen liessen nicht lange auf sich warten. Bereits ein Tag nach dem Abzug der Verbündeten überfielen sie Simplon-Dorf und Gondo. Wie schon auf der Nordseite des Passes schlugen sie alles kurz und klein.

Als der schreckliche Sommer endlich zu Ende ging und die Bewohner in ihre zerstörten Dörfer zurückkehren konnten, standen sie vor dem Nichts. Da sie sich im Sommer und Herbst in den entferntesten Alpen verstecken mussten, konnte die dringend benötigte Ernte nicht eingebracht werden. Zu allem Elend und dem furchtbaren Druck der fremden Gewaltherrschaft nahte noch ein ausserordentlich harter Winter, dem man ohne Nahrungsmittelreserven und ohne Dach über dem Kopf entgegensah. Die Monate November 1799 bis März 1800 gingen als der "Schwarze Winter" in die Geschichte ein.

Wie und wo Johann Anton und seine Familie diesen Winter überlebt hat, ist nicht bekannt. Unter den zahlreichen "Familiendokumenten" findet sich keines aus dieser Zeit.

Bild Geschichte der Familie Clausen/Glaisen Index